Die gebürtige Winterthurerin Nil findet die Politik zu unverständlich für junge Menschen. Daher hat sie mit ihrem Kollegen Davide den Kanal «Nilwiedefluss» ins Leben gerufen. Dort informieren sie über die aktuellen Abstimmungsvorlagen auf eine nicht neutrale Weise. Nil ist sich bewusst, dass sie dadurch auch mit Hatern zu Rande kommen muss.

Am 27. September finden wieder nationale Abstimmungen statt. Weil während der Corona-Pandemie anstehende Abstimmungen ausfielen, sind dieses Mal gleich fünf Abstimmungen an der Urne. Besonders jungen Erwachsenen wird vorgeworfen, dass sie ihre politischen Rechte nicht wahrnehmen und nicht abstimmen gehen. Laut den Nachabstimmungsbefragungen die Voto jedes Mal durchführt, liegt die Wahlbeteiligung der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren im Schnitt bei 30 Prozent.

Jugendliche stimmen nur ab, wenn es sie direkt betrifft

Jugendliche stimmen meistens selektiv ab. Das heisst, sie gehen abstimmen, wenn es sich um Vorlagen handelt, die sie direkt betreffen, die für sie eine Bedeutung haben und in den Medien stark präsent sind oder die schlicht weniger komplex sind.

Nil (27) kann sich noch gut erinnern, dass sie sich früher selbst auch nie gross mit den Abstimmungsvorlagen beschäftigt hat. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, geboren und aufgewachsen ist Nil aber in Winterthur. Zu Hause und in ihrem Umfeld wurde früher nie gross über Politik diskutiert. «In unserer Freizeit waren wir mit Energy-Drink oft am Bahnhof oder in Winti unterwegs», so die Winterthurerin.

In Zürich hat sie dann an der ZHdK Cast/Audiovisual Kunst studiert und arbeitet heute als Multimedia-Producerin und Social-Media Managerin. Erst im Studium hat sie sich mit Politik auseinandergesetzt. Eines Abends anfangs Juli arbeitete sie mit ihrem Kollegen Davide (31) an einem Geschäftsanlass. Sie kenne sich beide aus dem Studium. «Wir haben über Gott und die Welt geredet und dann waren wir beim Thema, wieso so viele Secondos nicht abstimmen gehen», erzählt Davide. Die beiden erklären es sich so, dass die Politik und die Abstimmungskampagnen zu akademisch sind und daher nicht verständnisvoll hinübergebracht werden. «Die meisten Politiker*innen haben einen Hochschulabschluss und debattieren in einer Sprache, die sehr komplex ist», meint Nil. Vor allem die linke Seite sei sehr akademisch und kommuniziert dies auch so. In den letzten 30 Jahre fand somit ein Rutsch der Arbeiterklasse nach rechts statt. Daher haben Nil und Davide beschlossen, den Kanal «Nilwiedefluss» ins Leben zu rufen.

Das Privileg der Meinungsäusserung

Das Ziel sei es, Secondos und Secondas zum Abstimmen zu motivieren. «Ich rede, wie mir das Maul gewachsen ist, da kann es auch mal vorkommen, dass ich ein Schimpfwort benutze», so Nil. Und weiter: «Es ist ein Privileg, dass ich auf diese Weise meine Meinung äussern kann und das will ich auch nutzen». Nil und Davide sind beide nicht in einer Partei und daher können sie auch «links und rechts kritisieren». Beiden ist klar, dass auch sie Fehler machen werden. «Wir sind auf unserem Kanal nicht neutral», weiss Nil.

Nach drei Wochen war es dann so weit: Am 2. August erschien ihr erstes Video auf Instagram «Happy #secondoaugust vo de Nil». Wir wünschen uns eine junge, neue, freche und laute Eidgenossenschaft, so die Message.

Hinter einem Video steckt viel Arbeit, über mehrere Wochen wurde geplant und produziert. Als Erstes werden Infos gesammelt, dann wird ein Skript geschrieben und dann wird gefilmt. «Wir filmen mit einer professionellen Ausrüstung. Die Ausbildung, die wir beide hatten, hat einen grossen Einfluss», so Davide. Das Video wird dann geschnitten und animiert. Das fertige Video wird auf Social Media publiziert, dazu kommt noch das Community Management.

Im Zweiergespann haben sie nun mehrere Videos zu drei Abstimmungsvorlagen gemacht: Begrenzungsinitiative, Vaterschaftsurlaub und Kampfjets. «Da wir es in der Freizeit machen, hatten wir nur die Kapazität, uns in drei Themenfelder einzulesen», so Davide. «Unser Ziel ist, eine aktive Community aufzubauen. Wir wollen zurückblicken und wissen, dass sich der Aufwand gelohnt hat», so Nil.

Bis zum Abstimmungssonntag werden sie noch einige Aufrufe zum Abstimmen posten. Und zum Schluss sagt Nil: «Gahn go abstimme».

 

Bildurheberin: Denise Brechbühl

Denise Alexandra Brechbühl Díaz

Denise Alexandra Brechbühl Díaz

Autorin

In einem Café schreibe ich am liebsten meine Texte. Ich schreibe fürs Brainstorm, weil ich so viel Erfahrungen sammeln kann. Gesellschaftliche Themen wie Kultur und Politik interessieren mich am meisten.