Sie sind berühmt und berüchtigt im Studium: Die Personen, die aus einer Prüfung rauslaufen und dir erzählen, wie schlecht sie lief. Das sind die gleichen Personen, die sich schon seit Wochen auf diese Prüfung vorbereitet haben.

Dies ist eine Lobeshymne. Auf wen? Auf den Pseudostreber. Denn alle lieben ihn. Er gibt dir das Gefühl, mehr als genug gelernt zu haben. «Ich habe viel zu wenig in dieses Fach investiert», motzt er. «Du bist viel besser vorbereitet», schleimt er. Wenn du dich mit dem Pseudostreber unterhältst, fühlst du dich gut. Zunächst jedenfalls. «Ich wünschte, ich hätte mich so gut vorbereitet wie du!» So streicht er dir Honig ums Maul. Und schon tappst du in seine Falle.

«Weisst du, ich finde dieses Thema einfach so schwer», jammert der Pseudostreber. «Du hast das in der Vorlesung viel besser verstanden», schmeichelt er sich bei dir ein. Dir wird schon ganz warm ums Herz. Und dann, ohne Vorwarnung: «Hast du die XY-Formel gelernt?» Die was? Da erwischt dich der Pseudostreber vor der Prüfung doch noch eiskalt. «Ach, du weisst schon, die Formel, die man mit Hilfe von XY berechnet und die wir in der dritten Stunde angeschaut haben.» Viel Fachchinesisch, das du nicht verstehst. Langsam Panik, die aufkeimt. Und jetzt? Der Pseudostreber blickt dich mitleidig an. «Das kannst du, im Unterricht hattest du voll den Durchblick!» Und während du fünf Minuten vor der Prüfung noch versuchst, die Nerven zu behalten, sucht der Pseudostreber sich bereits sein nächstes Opfer aus.

Doch damit ist die Arbeit des Pseudostrebers noch nicht getan. Nein, nach der Prüfung geht die Prozedur weiter. «Oh nein, es war so schwer», nörgelt er. «Ich habe nichts ausfüllen können», winselt er. «Wie ist es dir ergangen?», fragt der Pseudostreber dich neugierig. Du misstraust seiner Freundlichkeit. Doch das merkt der Pseudostreber gar nicht. «Hattest du bei 4c) auch diese Antwort?» Langsam nickst du. «Ach, die ist leider falsch», grinst er. «Hey, schon gut, mir ist es auch nicht besser ergangen», muntert er mich auf. «Wir sehen uns dann wahrscheinlich an der Nachprüfung», witzelt er.

Eine Woche später sind dann die Ergebnisse da. Der Pseudostreber muss natürlich im Gruppenchat fragen: «Wie sieht es bei euch aus?» Und wartet kaum die Antworten ab. Er schreibt eigentlich nur, um mit seinem 6er-Schnitt angeben zu können. «Das hätte ich niemals gedacht», meint er. Und betont nochmal: «Ich hatte doch soooo wenig gelernt.»

Den Pseudostreber lieben alle. Er gibt dir ein tolles Gefühl. Vor und nach der Prüfung. Das ganze Semester hindurch. Sogar das ganze Jahr. Dank dem Pseudostreber weisst du immer, was du nicht gelernt hast, obwohl es prüfungsrelevant gewesen wäre. Und was du an der Prüfung falsch gemacht hast. Dank dem Pseudostreber weisst du all das – und das, obwohl du es nicht einmal wissen wolltest. Danke Pseudostreber, dass es dich in jeder Klasse gibt. Was würden wir ohne dich nur machen.

 

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